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Gesundheit und mehr Wohlbefinden

Willenskraft trainierbar

Foto: fotolia.deJetzt bloß nicht schwach werden
Willenskraft und Selbstdisziplin sind entscheidende Faktoren für den beruflichen und privaten Erfolg. Bislang sind sie noch kaum Gegenstand von Auswahl- und Beurteilungsverfahren sowie Weiterbildung im beruflichen Kontext. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen nun, wie Selbststeuerung funktioniert und wie sie sich trainieren lässt.

Kaum ein anderes psychologisches Experiment ist so bekannt wie der Marshmallow-Test. Dabei wurden Vierjährige des Kindergartens des Stanford-Campus vor eine nahezu unbewältigbare Herausforderung gestellt. Der Versuchsleiter setzte den Kindern Marshmallows vor und sagte, er würde den Raum verlassen. Die Kinder könnten den Marshmallow sofort essen, wenn sie jedoch bis zu seiner Rückkehr warteten, würden sie einen zweiten Marshmallow erhalten. Getestet wurde somit die Fähigkeit, die unmittelbare Belohnung zugunsten eines zukünftigen Zieles aufzuschieben (delay of gratification). Wenig verwunderlich, dass viele Kinder der unmittelbaren Versuchung nicht widerstehen konnten. So berühmt der Test aus den frühen 70er Jahren und die Videos von den mit ihrer Naschsucht ringenden Kindern ist, so einseitig wird er oft interpretiert.

Den Schweinehund bändigen lernen
Während der Versuch ursprünglich darauf abzielte, Strategien zur Impulskontrolle zu beobachten, zeigte sich bei den Folgeuntersuchungen seine Tragweite. Die Kindergartenkinder, die bereits im Test die Fähigkeit besessen hatten, der süßen Verlockung zu widerstehen und zu warten, waren als junge Erwachsene erfolgreicher in Schule und Ausbildung, hatten weniger Probleme mit Drogen, einen niedrigeren Body-Mass-Index und zeigten kompetenteres Sozial- und Beziehungsverhalten. All diese Effekte waren unabhängig von der Intelligenz.

Während man heute davon ausgeht, dass auch die genetische Veranlagung eine gewisse Rolle dabei spielt, ob wir uns beim Bändigen des inneren Schweinehunds leichter oder schwerer tun, gibt es inzwischen zahlreiche belastbare Studien, denen zufolge Willenskraft trainierbar ist. Dabei zeigt sich, dass gerade für Willensschwächere ein deutlicher Zugewinn an Selbststeuerungsfähigkeit möglich ist. Das ist gerade im beruflichen Kontext von unschätzbarem Wert. Tatsächlich messen inzwischen viele Fachleute dieser Volition eine höhere Bedeutung zu als der aufwendig zu erhaltenden und oft starken Schwankungen unterliegenden Motivation.

Willenskraft als begrenzte Ressource
Aber woher kommt die Willenskraft und wie ist sie trainierbar? Die wichtigste Antwort der Neurowissenschaftler lautet: Willenskraft braucht Zucker. Denn der neurobiologische „Glucose Dependent Willpower Effect“ besagt, dass zur Ausübung der Willenskraft Nervennetzwerke aktiviert werden müssen, die ansonsten inaktiv wären, und das verbraucht Stoffwechselenergie Glucose. Also: je mehr Willenskraft für eine Aufgabe erforderlich ist, desto mehr brennen die Energiespeicher in den Zellen aus. Man kann also auch sagen, je mehr Überwindung etwas braucht oder je ungeliebter eine Aufgabe ist, desto mehr „Ressource Willenskraft“ braucht es. Willenskraft ist damit eine begrenzte Ressource, so dass wir uns gut aussuchen sollten, wofür wir sie verwenden. Wird an einer Stelle zuviel davon verbraucht, kann es in anderen Lebensbereichen zu einem Mangel an Disziplin führen.

Willenskraft im Alltag trainieren
Die Suche nach Energiefressern – von ungeliebten oder delegierbaren Tätigkeiten bis hin zu unguten Beziehungen, Ängsten und Glaubenssätzen – und die Entwicklung von Strategien, diese unschädlich zu machen, ist daher das Trainingswerkzeug.

Das Praktische an der Willenskraft ist, dass sie scheinbar, unabhängig wofür wir sie aufbringen – von Steuererklärung bis zum Sport –, im Gehirn gleich funktioniert. So setzt die zweite Konsequenz für die Praxis an einer bemerkenswerten Fähigkeit des Gehirns an: Es kann lernen, beim Aufbringen an Willenskraft energiesparender zu arbeiten, indem es die entsprechenden – zunächst unter bewusster Aufmerksamkeit ablaufenden – An- und Ausschaltmechanismen von Nervennetzwerken automatisiert. Dabei helfen Rituale und kleine Übungen in Selbstüberwindung.

So können wir mit beliebigen Übungen trainieren, die es erfordern, mit einer gewissen Anstrengung etablierte Verhaltensmuster zu durchbrechen. Daher sind selbst relativ sinnfreie Übungen wirksam: z.B. führen Sie tägliche Aktivitäten mit der nicht dominanten Hand aus, achten Sie im Sprachgebrauch bewusst auf Füllwörter oder sonstige Gewohnheiten.

Grundsätzlich gilt: Wann immer wir etwas tun, was wir normalerweise nicht getan hätten, oder uns etwas trauen, was wir uns sonst nicht getraut hätten, stärken wir unsere Willenskraft.

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