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Gesundheit und mehr Wohlbefinden

Das Glück ist nur gekauft

Fotos: © Andrey Popov Fotolia.comViele Menschen gehen gerne „shoppen“. Für einige wird Einkaufen jedoch regelmäßig zum Rausch. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) rät Betroffenen zu einer Psychotherapie. Dies gelte besonders, wenn exzessives Kaufen mit weiteren psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angst-, Ess- oder Zwangsstörungen auftritt.

Für Kaufsüchtige ist nicht der Besitz einer Sache das Ziel, sondern das Kaufen selbst löst ein zumindest kurzweiliges Glücksgefühl aus. Und manchmal scheinen die Betroffenen vor allem die Zuwendung des Verkaufspersonals zu genießen. Doch das Glück ist von kurzer Dauer: „Der Kaufepisode geht eine Phase der Depression, Anspannung oder Langeweile voraus“, sagt Dr. Astrid Müller von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Der Kauf wird kurzfristig als Befreiung, Vergnügen, Wohlgefühl oder Belohnung empfunden. Das Gekaufte wird meist nicht benutzt, sondern gehortet, vergessen und verschenkt. Während Frauen Kleidung, Schuhe, Kosmetik, Lebensmittel und Haushaltsgeräte favorisieren, greifen Männer tendenziell zu modernen Technikartikeln, Sportgeräten, Autozubehör und Antiquitäten.

Schon bald stellen sich Gewissensbisse und Scham ein. Die gekauften Gegenstände werden versteckt, gehortet, weggegeben oder einfach vergessen, berichten Patienten. Doch die Folgen der Erkrankung lassen sich nicht verbergen: „Viele Patienten haben substanzielle soziale, finanzielle und auch juristische Probleme“, sagt Müller. Sie ist überzeugt, dass zwanghaftes Kaufen eine häufige psychische Störung ist. Mehrere Untersuchungen zeigten bereits: Rund sieben bis zwölf Prozent der Deutschen zeigen Symptome zwanghaften Einkaufens. Tendenz steigend.
Negative Konsequenzen werden von den Betroffenen verdrängt

In aktuellen Studien geht Dr. Astrid Müller Ursachen der Erkrankung auf den Grund. Sie untersucht, ob die Kaufsucht dadurch entsteht, dass Patienten sich gegen die von der Werbung ausgehenden Impulse nicht wehren können. „Wir fanden wir Hinweise, dass zwanghaftes Kaufen durch grundsätzliche Persönlichkeitsvariablen begründet sein könnte“, sagt sie. Beispielsweise zeigten viele Patienten in einem Test zum Entscheidungsverhalten eine auffällige Risikobereitschaft, die mögliche negative Konsequenzen leicht vergessen lässt.

Kaufsucht – in der Medizin auch Oniomanie genannt – tritt häufig in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen auf. „Fast zwei Drittel haben auch eine Depression“, berichtet Müller. Andere leiden an zwanghaftem Horten, das dem Messie-Syndrom ähnlich ist. „Der Kaufzwang ist dann häufig stark ausgeprägt und die Behandlung besonders schwierig“, erklärt die Psychologin. Sie wendet eine Verhaltenstherapie an, die die Krankheitseinsicht fördert und Möglichkeiten aufzeigt, den Kaufdrang zu relativieren und den Kaufrausch zu vermeiden. Besonders effizient: eine Gruppentherapie.

Niemand ist vor einer Sucht gefeit. Der Tod eines Angehörigen oder andere Schicksalsschläge, vor denen man zu fliehen sucht, gehören zu möglichen Auslösern der „modernen Süchte“ wie Kauf-, Internet- oder Spielsucht. Kaufsüchtige gibt es in allen Einkommens- und Bildungsschichten. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen, Jüngere aber häufiger als Ältere.

Fotos: © pictworks - Fotolia.com„Die Sucht beginnt meist schleichend und wird erst als solche erkannt, wenn sie sich zu Hause aufgrund überquellender Schränke vor Familie und Freunden nicht mehr verbergen lässt“, sagt Inga Margraf, Psychologin der Techniker Krankenkasse. Eine Betroffene berichtet von ihren Erfahrungen: Der Tod ihres Mannes habe sie aus der Bahn geworfen. Da habe sie sich immer belohnt, wenn es ihr schlecht ging, indem sie sich etwas Schönes kaufte. So begann ihr Weg in die Kaufsucht. „Dieses Kaufen ist am Anfang etwas ganz Tolles, ein supergeiles Gefühl“, erinnert sie sich. Das braucht sie von da an immer öfter, die Einkäufe werden zum Kaufrausch: „Ich bin manchmal nach Hause gefahren und hatte Sachen für mehrere hundert oder tausend Euro im Kofferraum“, sagt sie. Oft sind es solche Schlüsselereignisse, die dazu führen. Eine andere Betroffene, die seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist, erzählt: „Kaufen ist alles, was mir noch bleibt, wo ich mich noch lebendig fühle.“

 

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