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Gesundheit und mehr Wohlbefinden

„Einfach mal nur sein“

Gibt es etwas Schöneres, als viel Zeit mit einem spannenden Buch zu verbringen? Foto: istockphoto.comDie Kunst, die Ferien zu genießen
Vitales Nordhessen sprach mit Psychologin Dr. Jessica Schneider darüber, warum Ferien häufig zum Scheitern verurteilt sind und was wir tun können, damit die schönste Zeit des Jahres gelingt.

Frau Dr. Schneider, auch Ihnen wird es so gehen: Kurz vor Urlaubsbeginn kommen von allen Seiten gute Wünsche. Was verbinden Sie mit dem Satz ,Schöne Ferien’?
Dr. Jessica Schneider: Schöne Ferien bedeutet für mich vor allem, nicht-verplante Zeit zu haben und spontan entscheiden zu können, wonach mir der Sinn steht. Dazu passt in idealer Weise unser Wohnmobil, das uns an wunderbare Orte bringt. In die Berge oder ans Wasser… Einfach losfahren und stehen bleiben, wo es gefällt, in der Natur unterwegs sein, gut essen, Zeit zum Lesen haben und viel schlafen. Den ganzen Tag zu tun, wozu ich wirklich Lust habe, ohne Termine,… das sind ,schöne Ferien’.

Sie haben ein gutes Stichwort gegeben: nicht-verplante Zeit. Warum fällt es vielen Menschen so schwer, ihre Ferien in Muße zu verbringen?
Schneider: Meiner Erfahrung nach gibt es viele Gründe. Einige Menschen befürchten, ohne Planung die Urlaubszeit nicht gut genug zu nutzen und in der kostbaren Zeit etwas zu verpassen. Andere führen einfach die übliche und damit vertraute Art der Lebensplanung im Urlaub fort. Und dann gibt es einige Menschen, für die ist es schwer auszuhalten, Zeit mit sich alleine zu verbringen, zur Ruhe zu kommen und einfach zu sein.

Warum ist das so?
Schneider: In diesem Zustand sind zum Beispiel negative Gefühle deutlich spürbar, da die Ablenkung fehlt. Letztlich besteht die Herausforderung darin, gerade im Urlaub achtsam zu sein und Entscheidungen darüber zu treffen, wie ich meine Zeit wirklich verbringen möchte. Und eine Antwort darauf ist nicht immer einfach. Gerade weil das Entscheidungskriterium im Alltag oft die Frage ist: ’Was ist zu tun?’.

Kann man lernen, einfach mal in den Tag hinein zu leben?
Schneider: Lernen ist das richtige Stichwort. Oder das Erinnern an Zeiten, in denen man gut in den Tag leben konnte. Hilfreich sind Strategien aus der Achtsamkeitstherapie. Zum Beispiel für einen kurzen Moment innehalten und wahrnehmen, was ich denke und fühle, dabei nicht bewerten und sich auf den Augenblick konzentrieren. Diese Fähigkeit ist wichtig, um in einer konkreten Situation zu entscheiden, was jetzt zum Wohlbefinden beitragen würde. Außerdem ist die innere Erlaubnis, einfach mal nichts leisten zu müssen, eine wesentliche Voraussetzung, jetzt zu genießen.

Gibt es einen Trick, sich das ins Bewusstsein zu rufen?
Schneider: Ein Mantra kann helfen, das man sich innerlich oder auch laut vorspricht. Zum Beispiel: ,Sein reicht, das ist reiches Sein.’ Wenn wir uns das oft genug sagen, glauben wir es auch.

Sie sagen auch, dass man in der freien Zeit negative Gefühle deutlicher spürt. Wie gehe ich damit um?
Schneider: Tauchen negative Gefühle und Gedanken auf, werden diese sicherlich eine Grundlage haben. Kurzfristig ist es zwar immer verlockend, diese durch Ablenkung zu verdrängen, mittelfristig ist es aber oft sinnvoller und auch effektiver, sich damit zu beschäftigen. Auch hierfür ist Achtsamkeit hilfreich um wahrzunehmen, was mich beschäftigt. Häufig findet man eine Lösung. Wenn nicht, sollte man professionelle Unterstützung wie ein Coaching oder eine Psychotherapie in Anspruch nehmen. Im besten Falle spüre ich in der freien Zeit auch positive Gefühle besser, und das ist letztlich für die Lebensqualität enorm wichtig.

Ein anderes Phänomen, das häufig in den Ferien auftritt: Streit. Warum ist der Urlaub ein so guter Nährboden?
Schneider: Zu hohe Erwartungen an sich, den anderen oder die Ferien sind eine prima Grundlage dafür, dass wir miteinander in Streit geraten. Wieso sollten denn gerade zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns urlaubsreif fühlen, plötzlich alle entspannt, tolerant, guter Laune und auch noch der gleichen Meinung sein?

Wie geht man am besten mit solchen Konflikten um?
Schneider: Hilfreich ist, sich klar zu machen, dass es sehr kostbar ist, Zeit für sich haben und Zeit mit einem besonderen Menschen zu verbringen. Vielleicht verliert das, was wir miteinander unternehmen und der Ort, an dem wir Zeit verbringen, etwas an Wichtigkeit. Und damit fällt es dann leichter, sich zu einigen. Und es reduziert den Druck, möglichst viel in kurze Zeit zu packen.

Stichwort Achtsamkeit. Ferien können ein Neuanfang sein, achtsamer mit sich umzugehen. Wie kann ich das mit in den Alltag nehmen?
Schneider: Das ist eine tägliche Herausforderung. Wenn wir es schaffen, im Urlaub kleine Momente zu genießen, dann kann ich genau das auch im Alltag leben. Man kann nicht jeden Tag den Grand Canyon besuchen, aber sich eine halbe Stunde für ein Buch zu nehmen, am Wochenende in Ruhe gemeinsam zu frühstücken… das wäre schon drin – unter der Voraussetzung, dass mir das wichtig genug ist, um die Zeit zu investieren. Und das ist eine bewusste Entscheidung, die immer wieder neu zu treffen ist.

Wie oft braucht ein Mensch Ferien? Und wie lange?
Schneider: Das ist schwer zu definieren. Ich möchte das Bild eines Autos anbringen: Ein Rennwagen benötigt anderen Treibstoff als ein gut eingefahrenes Fahrzeug mit großem Hubraum, welches regelmäßig und gemäßigt genutzt wird und keine Rennen fahren muss. Übertragen heißt dass, es geht um die richtige Balance zwischen Verausgabung und Tanken. Aber: Zwei Menschen, die den gleichen Job machen, erleben dies als unterschiedlich anstrengend aufgrund des Arbeitsklimas, eigener Ansprüche und persönlicher Ressourcen. Die einen sind gefühlt ständig mit Vollgas und/oder angezogener Handbremse unterwegs, die anderen durchaus zügig, aber mit Freude. Dies führt zu unterschiedlichen Stadien der Erschöpfung und Erholungsbedarf. Und es wird noch komplizierter: Es gibt Menschen, die innerhalb kurzer Zeit gut abschalten, andere brauchen mehr Zeit.

Nicht immer will man die Zeit mit dem Partner teilen. Wie spüre ich, dass ich Zeit für mich brauche und wie kommuniziere ich das, ohne dass mir jemand böse ist?
Schneider: Ihre Frage beinhaltet schon einen Teil der Antwort: Innehalten, in sich hineinspüren, dann bekomme ich mit, wonach mir ist. Bei der Kommunikation gibt es leider keine Garantie, dass mir jemand nicht böse ist. Generell ist es bei der familiären oder partnerschaftlichen Situation hilfreich, eigene Bedürfnisse als Wunsch und Ich-Botschaft zu formulieren, anstatt unklar zu bleiben, in der Hoffnung, dass der andere schon versteht, was ich möchte.

Was bedeutet Zeit mit und für sich selbst für Körper, Geist und Seele?
Schneider: Für mich bedeutet dies, für eine bestimmte Zeit einfach nur zu sein und das zu tun, was mir Freude bereitet. Entscheidend ist, mit den Sinnen im Hier und Jetzt zu sein, nicht das Gefühl zu haben, Zeit sinnvoll für irgendwen nutzen zu müssen. Meinen Patienten gebe ich gerne die Aufgabe, täglich 15 Minuten nur zu sein, nichts ergebnisorientiertes zu tun. Das fällt vielen sehr schwer.

Zum Schluss möchte ich mit Ihnen noch ein mentales Reisegepäck für den gelungenen Urlaub packen. Was gehört dazu?
Schneider: Die Erlaubnis, Zeit mit sich selbst zu verbringen. Die Erlaubnis, das zu tun, wozu man richtig Lust hat und das sein zu lassen, wozu man keine Lust hat. Die Erlaubnis, nicht möglichst viel in die kurze Zeit hineinzupacken, sondern Weniger-ist-mehr zu praktizieren. Und Humor und Gelassenheit.

Vielen Dank für das Gespräch.
Ich danke Ihnen!

 

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