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Gesundheit und mehr Wohlbefinden

Lebenszufriedenheit finden!

Was bedeutet für Sie persönlich Lebenszufriedenheit?
Dr. Jessica Schneider: Lebenszufriedenheit bedeutet für mich, dass es immer wieder Momente während eines Tages gibt, in denen ich echte Freude oder sogar Glück fühle. Das können Momente während der Arbeit sein, in denen ich mit einer Kollegin herzhaft lache oder von Patienten eine positive Rückmeldung erhalte. Oder wenn ich in der Natur unterwegs bin und denke „Ist das schön hier“. Oder einen meiner Kater auf dem Schoß zu haben und zuzuschauen, wie er sich einrollt und völlig entspannt leise vor sich hinschnurrt. Ich könnte jetzt noch eine ganze Reihe von Situationen aufzählen, die deutlich machen, dass Lebenszufriedenheit für mich aus vielen kleinen alltäglichen schönen Momenten besteht und auch aus der Freude darauf.

Ziehen Sie am Ende eines Jahre Bilanz?
Schneider: Nicht wirklich. Der Jahreswechsel ist für mich eine sehr abstrakte Grenze. Wenn ich Bilanz ziehe, dann eher an Jahrestagen, die für mich von persönlicher Bedeutung sind, zum Beispiel mein Geburtstag.

Warum ist es für viele Menschen so schwierig, einen zufriedenstellenden Sinn für Ihr Leben zu finden?
Schneider: Ich möchte mir nicht anmaßen, für alle Menschen zu sprechen. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass wir möglicherweise oft zu viele verschiedene Ziele verfolgen, erreichte Ziele nicht wirklich genießen und dabei dann schöne Momente schlichtweg gar nicht mehr wahrnehmen und schätzen.

Oder, sind die Erwartungen häufig unrealistisch?
Schneider: Ich denke dass dies häufig der Fall ist und kenne das gut aus eigener Erfahrung. Ich bin mit ganzem Herzen Therapeutin, mache unheimlich gerne Gruppenarbeit in der Klinik. Außerdem bin ich in Leitungsfunktion, was mir an vielen Stellen ermöglicht, mitzuwirken und zu gestalten. Zudem habe ich nebenberuflich eine kleine private Praxis für Therapie, Beratung und Coaching. Bis vor einigen Jahren habe ich auch immer mal wieder ein kleines Forschungsprojekt durchgeführt und die Ergebnisse auf Kongressen vorgestellt, auch das mit sehr viel Freude. Außerdem bin ich eine echte Leseratte, bin gerne an der frischen Luft unterwegs. Und ich genieße es, Zeit mit meinem Partner zu verbringen. Soll ich noch weitermachen?

Sie sind sehr vielseitig engagiert. Was ist die Konsequenz für Sie?
Schneider: Leider musste ich immer wieder feststellen, dass auch mein Tag nur 24 Stunden und die Woche nur sieben Tage hat. Und die Zeit, die ich in eine Sache oder Aktivität investiere, steht dummerweise für andere nicht mehr zur Verfügung. Das kann ganz schön frustrieren. Und es führt dazu, dass zur Ruhe kommen kaum möglich ist. Beim Blick in die Natur denkt man dann nicht „Wie schön“, sondern arbeitet an der nächsten To-Do-Liste.

Wie findet man Lebenszufriedenheit?
Schneider: Indem man sowohl nach ihr sucht als auch bereit ist, wenn sie einen findet. Was ich damit meine ist, dass es zum einen darum geht, echte Entscheidungen zu treffen und zu klären, welche Ziele für einen selbst am wichtigsten sind und was man bereit ist, dafür zu investieren. Und das gilt für kurzfristige alltägliche Situationen genauso wie für langfristige Planungen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Schneider: Ist es mir in der nächsten Stunde wichtiger, mit einem Buch in der Sonne zu sitzen oder den Rasen zu mähen? Beides gleichzeitig geht nicht. Wenn ich mich für das Buch entscheide, fühle ich mich nach der Stunde Buchlesen (zumindest geht es mir so) wirklich erholt. Nach dem Rasenmähen würde ich mich aber über den gemähten Rasen freuen können, weil die Beete im Garten dann besser zur Geltung kommen. Was in keinem Fall hilfreich ist, sich hinterher zu ärgern, dass man doch nicht das andere gemacht hat. Das meine ich mit bereit sein: Die positiven Aspekte um sich herum wahrnehmen und aufnehmen und dafür auch wieder ein bisschen Zeit investieren. Innehalten ohne sich gleich in die nächste Aktivität zu stürzen.

Lebenszufriedenheit – heißt das auch zu den eigenen Schwächen zu stehen?
Schneider: Ich würde sagen, dass Schwäche nicht der richtige Begriff ist. Es geht eher darum, Grenzen zu akzeptieren. Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit, der eigenen Talente, der finanziellen Möglichkeiten, der Rahmenbedingungen usw. Eigentlich ist uns das alles klar, aber wir ignorieren diese Grenzen immer wieder und versuchen, noch mehr in den Tag und in unser Leben zu packen.

Ist das ein Phänomen der heutigen Zeit?
Schneider: Dazu trägt natürlich die heutige Zeit bei. Wir sind jederzeit online, mit jedem vernetzt usw. Da die Möglichkeiten unbegrenzt erscheinen fragen wir uns, ob wir nicht gerade jetzt etwas anderes machen müssten, ob wir etwas verpassen. Da fällt es natürlich schwer, innezuhalten und einfach den Augenblick zu genießen. Da sind dann wieder Entscheidungen gefragt: genieße ich ein Buch oder jogge ich lieber eine Stunde, um Kalorien zu verbrennen. Es geht um die Akzeptanz, ein Mensch zu sein, der trotz optimalem Zeitmanagement nicht alles in eine Stunde, einen Tag, ein Leben packen kann. Wenn das eine Schwäche ist, dann wäre es hilfreich, dazu zu stehen.

Was bedeutet Lebenszufriedenheit für die Gesundheit?
Schneider: Lebenszufriedenheit ist unsere Tankstelle und unser Rastplatz, hier können wir unsere Energiereserven auftanken, können uns ausruhen und erholen. Sie beinhaltet Genuss, Lebensfreude und Lebensqualität und trägt wesentlich zur Gesundheit bei. Und sie kann trotz möglicher vorhandener Krankheiten oder Einschränkungen zu einem lebenswerten Leben führen.

Wie können wir das, was uns im Leben Kraft gibt, stärken?
Schneider: Indem wir es hegen und pflegen wie einen jungen Apfelbaum: den richtigen Standort suchen und den Wurzeln einen guten Halt geben, regelmäßig gießen und vielleicht ab und zu düngen, immer wieder nach ihm schauen und vor allem die Äpfel pflücken und genießen. Das kostet allerdings das kostbarste was wir haben: unsere Zeit.

Vielen Dank für das Gespräch.

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