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Gesundheit und mehr Wohlbefinden

Der Arbeit Grenzen setzen

Privatdozent Dr. Michael Franz spricht im Interview über das Phänomen Burn-out. Er ist Klinikdirektor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bad Emstal, Kassel und Hofgeismar und Ärztlicher Direktor des Vitos Klinikums Kurhessen. Mit der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie wurden innovative Konzepte im Bereich Depression und Schizophrenie ausgezeichnet. In der Focus-Klinikliste 2012 war die Klinik unter den besten zehn von zirka 400 psychiatrischen Kliniken Deutschlands aufgeführt.

Herr Dr. Franz: Vielleicht etwas provokativ gefragt, aber dennoch: Ist Burn-out eine Modeerscheinung oder eine ernste Erkrankung?
Dr. Michael Franz: Wahrscheinlich trifft beides zu. Zum einen wird der Begriff vielen durch zunehmende Berichte in den Medien vertraut. Er findet Eingang in die Alltagssprache und die Menschen beginnen, ihn zu benutzen. Und wie bei allen medizinischen Begriffen wird er zur Erklärung vielfältiger Zustände herangezogen, teils zu Recht, teils nicht. Zum anderen gibt es aber ganz klar den Zustand emotionaler Erschöpfung bei Leistungsträgern, der nach längerer Zeit einer Überforderung im Arbeitskontext auftritt und mit einem generellen Leistungsabfall verbunden ist. Burn-out ist jedoch primär keine Erkrankung wie Depression, Schizophrenie oder Herzinfarkt, sondern ein Zustand totaler Erschöpfung, der in der internationalen Klassifikation der Krankheiten als Problem der Lebensbewältigung eingeordnet wird. Es kann eine Krankheit daraus werden. Umgekehrt verstecken sich oft Krankheiten wie Depressionen hinter einem Burn-out.

Viele sprechen von Burn-out, wissen die meisten eigentlich was das ist?
Franz: Burn-out ist äußerst unscharf definiert. Die Symptome werden unterschiedlich und vielfältig beschrieben. Von Burn-out spricht man in der Psychiatrie, wenn Veränderungen vor allem im Arbeitskontext auffallen. Die Weltgesundheitsorganisation sagt: Burn-out ist keine eigenständige psychiatrische Diagnose. Es werden Faktoren und Zustände zusammengefasst, die den Gesundheitszustand von Menschen mit oder ohne zusätzliche Erkrankung stark beeinflussen können und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens auch dann führen können, wenn keine Erkrankung vorliegt. Wenn von Burn-out geredet wird, wird oft übersehen, dass Burn-out in über achtzig Prozent der Krankschreibungen nicht alleine, sondern zusammen mit psychischen oder anderen Erkrankungen wie Rückenschmerzen diagnostiziert wird. In knapp der Hälfte erfolgt die Angabe Burn-out als ergänzende Information zu einer psychischen Erkrankung, die dann bei der Behandlung im Vordergrund stehen muss.

Welches sind die Symptome?
Franz: Der Kern ist ein emotionaler Erschöpfungszustand mit reduzierter Leistungsfähigkeit und dem Verlust der Fähigkeit, sich zu erholen. Dazu kommen Veränderungen des Verhaltens, die man von dem Betroffenen vorher so nicht kannte, wie Desillusionierung, Zynismus oder eine ungewöhnlich sarkastische oder kritische Haltung eines ansonsten loyalen Mitarbeiters. Es kann zu Suchtgefährdung, Apathie sowie körperlichen und depressiven Symptomen kommen. Oft ging eine idealistische Begeisterung voraus, auf die eine anhaltende Überlastung oder Frustration folgte. Arbeitet der betroffene Mensch unbeirrbar weiter, ohne diese Symptome zu beachten, kann der Burn-out auf Dauer in eine Depression übergehen.

Wie verläuft dieser Prozess?
Franz: Während Überforderungssymptome und Burn-out reversibel sind, erfolgt ohne Behandlung bei vielen Menschen ein Übergang in eine depressive Erkrankung. Umgekehrt sehen wir bei fünfzig bis achtzig Prozent je nach Studie sowie bei unseren eigenen Patienten eine Depression. Es ist nicht auszuschließen, dass ein Teil bereits vorher depressiv war. Man muss die Bremse finden oder gezeigt bekommen, und dann etwas für sich tun. Findet dies nicht statt, treten bei Menschen, die wegen ihrer hohen Leistung und grenzenlosem Einsatz in diesen Zustand geraten sind, Leistungsabfall, schwere Desillusionierung und Selbstzweifel ein, weil das, wofür sie ‚gebrannt‘ haben, ja auch einen hohen Stellenwert in ihrem Leben hatte. Dies kann zu starkem Leidensdruck führen. Es kann auch so weit gehen, dass Selbstmordgedanken auftreten. Oft sieht man aber im Rahmen zunehmender Erschöpfung und vegetativer Fehlregulierung die Entstehung von Depressionen, Apathie und Suchtmittelmissbrauch.

Wie hoch ist die Suizidrate unter Burn-out-Patienten?
Franz: Die Suizidraten bei Burn-out sind bislang nicht wirklich von denen bei Depression zu trennen. Daher sollte man mit Zahlen sehr zurückhaltend sein. Die häufigsten Ursachen für Suizide sind nach wie vor psychische Erkrankungen, am häufigsten Depressionen. Fast alle Suizidenten waren vor dem Selbstmord depressiv oder sahen zumindest keinen Ausweg mehr für ein Weiterleben.

Wie viele Arbeitnehmer sind in Deutschland betroffen?
Franz: Dazu gibt es keine wirklich verlässlichen Zahlen, da Burn-out ja, wie bereits gesagt, keine exakt definierte Störung ist und sich Verschiedenes dahinter verbergen kann. Gleichwohl gibt es eine steigende Zahl von Krankschreibungen mit der Begründung Burn-out. Die Bundespsychotherapeutenkammer fand in einer Studie, dass die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund eines Burn-outs seit 2004 um 700 Prozent, die Anzahl der betrieblichen Fehltage sogar um fast 1 400 Prozent gestiegen seien. Man geht von hohen volkswirtschaftlichen Folgekosten aus – eine EU-Studie schätzt rund zwanzig Milliarden Euro jährlich.

Welche Entwicklung hat das in den vergangenen Jahren genommen?
Franz: Deutschland ist eines der Länder mit den besten Arbeitsbedingungen. Trotzdem gibt es jetzt die Burn-out-Welle. Das hat mehrere Gründe. Die Arbeitswelt hat sich verändert: sie ist nicht mehr so körperlich belastend wie früher. Zentral sind heutzutage die Computerisierung, das Tempo, die Menge der Aufgaben und die zunehmende Informationsmenge, die gleichzeitig zu bewältigen ist. Arbeit wird daher oft psychisch belastender. Dazu kommt die Vertrauensarbeitszeit: Du sollst Deine Leistung bringen, wann und wo wird nicht mehr kontrolliert. Da wird mancher zum persönlichen Kleinunternehmer und findet die Grenze nicht mehr. Diese Faktoren können burn out-Zustände fördern. Zum anderen hat aber die Bereitschaft zugenommen, psychische Störungen nach außen zu zeigen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Darüber hinaus werden Depressionen besser erkannt.

Wer ist betroffen?
Franz: Der Burn-out-Begriff wurde früher nur für Personen in sozialen Berufen gebraucht, die mit Menschen zu tun hatten, die hohe emotionale und soziale Belastungen hatten, zum Beispiel hochengagierte Sozialarbeiter, die auf den Straßen von New York arbeiteten und irgendwann ‚ausgebrannt‘ waren. In den letzten Jahren wurde er auf Menschen in Führungspositionen, Politiker, Leistungssportler und Langzeitpflegende kranker Angehöriger ausgeweitet. Obwohl diese Ausweitung kritisch gesehen wird, finden sich zum Beispiel bei Patienten unserer Ambulanz alle Berufsgruppen betroffen, quasi vom Sachbearbeiter oder der Sekretärin bis zum Manager.

Was sind die Ursachen?
Franz: Stress gehört zum Leben, Arbeit ist gesund. Selbst sehr starke Leistungsanforderungen werden von vielen Menschen bewältigt, solange sie sie als Herausforderung erleben können, die einen Sinn hat und zu bewältigen ist. Viele Menschen wachsen auch an Aufgaben, die sie zeitweise an ihre Grenzen bringen. Wenn die Betroffenen jedoch immer mehr das Gefühl bekommen, dass sie trotz Überlastung nicht viel erreichen oder bewirken, wenn es an Erlebnissen des Erfolges mangelt und die Anforderungen stetig steigen und unkontrollierbar erscheinen, und wenn sie sich ständig verändern, dann nehmen sie dies oft als persönliche Ineffizienz wahr. Sie verlieren den Glauben an den Sinn der eigenen Tätigkeit. Die andere Variante ist, dass auch hochmotivierte Menschen mit einer als sinnvoll und erfolgreich erlebten Tätigkeit in schwere Erschöpfungszustände geraten, wenn sie keine Pausen mehr machen. Die erholen sich nur schneller, weil sie früher oder später ihre Arbeit auch vermissen und als motivierend erlebt haben.

Kann man einem Burn-out entgegen treten?
Franz: Man wird die Arbeitswelt nicht in die frühere Zeit zurückdrehen können. Daher muss zum einen jeder Betrieb bedenken, wie er den Arbeitsschutz auch auf die psychische Dimension ausweitet. Aktuell gibt es noch wenige standardisierte Empfehlungen, zumal die Anforderungs- oder Stressprofile in verschiedenen Betrieben durchaus unterschiedlich sind. Zum anderen sollte jeder Mensch für sich selbst eine Haltung entwickeln, wie er dieser modernen Arbeitswelt begegnet. Menschen können lernen, auf ihre psychische Gesundheit zu achten. Es werden viele Entspannungs-, Atem- und Meditationsübungen angeboten. Sie sind prinzipiell zu empfehlen. Genauso wichtig ist regelmäßige Bewegung, noch besser ist Ausdauersport. Im Kern fehlt uns die Ruhe oder das Innehalten, um auf eigene Grenzen, seine eigentlichen Ziele und Frühwarnsymptome zu achten.

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