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Gesundheit und mehr Wohlbefinden

Karrieren behindert, Lebensziele zerstört

Am 30. März 2007 unterzeichnete Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in New York. Foto: UN-Photo/Paulo FilgueirasEntwürdigt, abgestempelt und verhindert: Bewerbern mit Handicap schlagen auf dem hessischen Arbeitsmarkt abscheuliche Probleme entgegen. Und dies, obwohl die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN) in Deutschland längst gültig ist. Vitales Nordhessen deckte diskriminierende Verhaltensweisen investigativ auf.

Eine Juristin aus Kassel erzählt von einer Klientin, einer jungen Frau mit Handicap. Beide wollen anonym bleiben. Die Mandantin lebt in der Region. Eigentlich hätte sie irgendwann begonnen, in einer Werkstatt für behinderte Menschen zu schuften: standardmäßig für unter 200 Euro im Monat. Manche Arbeitnehmer dort verletzen sich typischerweise an der Hand, wenn sie Pech haben, wie Statistiken belegen. Die junge Klientin ist noch nie hingegangen. Denn sie möchte viel lieber bei einer richtigen Firma arbeiten. Und dies könne sie auch durchaus, meint ihre Juristin aus der nordhessischen Metropole. Doch es gestalte sich „sehr schwierig“. Denn viele Unternehmen weigerten sich, einen Arbeitsplatz behindertenfreundlich umzubauen – zu kostspielig. Und: Eine zuständige Behörde halte Gelder dafür zurück.

Ähnliches erlebte auch ein Studienabsolvent der Philipps-Universität Marburg, der ältesten protestantischen Hochschule Deutschlands. Dort hatte Gideon Winter (Pseudonym) mit der Note 1(-) abgeschlossen und zog nach Nordhessen um. Einige Jahre pendelte er immer zwischen akademischer Beratung der Arbeitsagentur, Berufspraktika und kleineren Fortbildungen hin und her. Irgendwann ließ G. Winter nach, war nur noch eine Karteileiche im Arbeitslosenregister, schrieb Jobbewerbungen ohne Ende – ein letztes Aufbäumen vor einer psychiatrischen Diagnose, die ihn nach eigener Ansicht noch heute „arbeitsmarktpolitisch“ behindert, wie er findet. Und die G. Winter als teilweise unzutreffend oder zumindest als übertrieben ansieht. So landete er irgendwann bei der Arbeitsagentur Kassel in den Mühlen der Schwerbehinderten-Abteilung. Einer der Mitarbeiter, Herr D. (Name geändert), versperrte ihm zunächst die vielversprechende Teilnahme an einem Reha-Programm finanziell. Er stellte sich konkret vor, dass der Studienabsolvent „am Ende“ auch in einer Werkstatt für behinderte Menschen Schrauben sortieren könne. Aber im letzten Moment gab es einen Wendepunkt: Die netten Ärzte und Krankenschwestern der Guxhagener Reha-Stelle des Betreibers Vitos setzten G. Winter gegenüber der Arbeitsagentur durch und machten die Gelder doch noch locker. Sie vermittelten ihn sogar in seinen angepeilten Traumberuf. Wenig später hatte er einen unbefristeten Vertrag in der Tasche. Doch ein Schatten in seinem Leben bleibt. Würde G. Winter sich weigern, ein schweres Medikament einzunehmen, käme es zu einem krankenhausbedingten Freiheitsentzug. Denn die hessische Rechtslage für Menschen mit psychiatrischen Diagnosen sieht derartige Maßnahmen in einem gewissen Spielraum durchaus vor. Tragisch: Solche Medikamente können schwere Nebeneffekte haben – extreme Müdigkeit, die beim Arbeiten behindert, Organschäden, grüner Star und vieles mehr. Über das Thema Studium und Arbeitsmarkt mit Handicap schreibt Gideon Winter selbst in seinem im Verlag BoD Norderstedt erschienenen Buch „Der Trip namens Leben – Autobiografie“.

Intelligent, aber bürokratisch verhindert

Auf Anfrage von Vitales Nordhessen erklärt Frau Mahsa Mahamied von der Antidiskriminierungsberatung in der Bildungsstätte Anne Frank zu Frankfurt am Main im Gespräch, dass sich öfters Bewerber mit Handicap beschwerten, weil hessische Firmen sie ablehnten. Wenn Menschen mit Handicap Rat suchten, gehe es „am häufigsten um Arbeit. Immer wieder fühlen sich Betroffene mit Behinderung aber auch durch Entscheidungen von Ämtern, die ihrer Situation oder Behinderung nicht gerecht werden, diskriminiert.“ So erzählte nach Angaben von Frau Mahamied eine Arbeitnehmerin davon, dass ihr Arbeitgeber ihren Arbeitsplatz plötzlich verändert habe: „Aufgaben, die sie gut erledigen konnte, sind ihr nach und nach entzogen worden. Die verbliebene Hauptaufgabe ist physisch sehr anstrengend für sie. Ihr wird vorgeworfen, zu langsam zu arbeiten, bestimmte Anforderungen nicht erfüllen zu können und zu viele Fehlzeiten zu haben. Jedoch scheinen die Vorwürfe teilweise nicht zutreffend zu sein und einige der Probleme scheinen durch die genannten Änderungen selbst hervorgerufen zu sein. Einzelne Kolleg_innen verhalten sich ausgrenzend und herabsetzend. Der betroffenen Person wurde nahegelegt, eine andere Stelle zu suchen.“ Auch Menschen mit psychischem Handicap haben es der Antidiskriminierungsberatung zufolge auf dem Arbeitsmarkt schwer: „Ratsuchende berichteten auch, das sie nach längeren psychischen Erkrankungen wie Depressionen nicht mehr vom Arbeitgeber beschäftigt wurden oder keine Chancen mehr in ihrer Branche hatten.“

Sogar in Sachen Studium haben es Menschen mit Handicap schwer, obwohl sich die Universitäten Toleranz und ähnliche Werte auf die Fahnen zu schreiben pflegen.

Systematische Sabotage

Auf dem hessischen Arbeits- und Weiterbildungsmarkt ist diese den Bewerbern auferlegte Sabotage ein weit verbreitetes Problem. Unternehmen verhindern Bewerber mit Handicap systematisch, wie weitere Recherchen ergaben. Es geschieht oft, obwohl die Jobsucher die passenden beruflichen oder schulischen Qualifikationen mitbringen. Dies berichtet ebenso eine Hilfsorganisation aus Kassel, die früher Arbeitssuchende mit Behinderung regelmäßig beraten hatte.

Die Vereinten Nationen kritisieren Deutschland

Über 50 Prozent der behinderten Menschen im arbeitsfähigen Alter in ganz Deutschland seien vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, geht aus einem Statement der in Berlin am Deutschen Institut für Menschenrechte ansässigen Monitoring-Stelle der UN-Behindertenrechtskonvention hervor. Die Monitoring-Stelle kritisierte dies während der 20. Sitzung des UN-Ausschusses von Rechten für Menschen mit Behinderungen im Herbst 2018 in Genf. Den nächsten großen Bericht der deutschen Monitoringstelle aus Berlin erwarten die UN im Herbst 2019. Dann wollen sie sehen, ob Deutschland die selbst bereits im Frühjahr 2007 unterzeichnete UN-Behindertenrechtskonvention richtig umsetzt. Schon 2015 hatten die Vereinten Nationen (UN) bemängelt, dass deutsche Gesetze gegen die längst geltende UN-Behindertenrechtskonvention teilweise immer noch verstießen. Vielen behinderten Menschen in Deutschland geben die Vereinten Nationen somit Hoffnung unter einem grauen, verregneten Himmel.

Foto: UN-Photo/Paulo Filgueiras

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