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Gesundheit und mehr Wohlbefinden

Beliebte Globuli, gehasste Globuli

Was Samuel Hahnemann vor 224 Jahren im Kampf gegen Malaria, Typhus, Cholera und Co. erfunden hatte, diskutieren heute viele Zeitgenossen kontrovers: die Homöopathie. Damals ahnte der in Sachsen geborene elffache Familienvater, Arzt, medizinische Schriftsteller und Übersetzer kaum, dass seine Therapieform noch im 21. Jahrhundert besonders bei erkälteten Menschen äußerst populär sein sollte, aber trotzdem zum Diskurs werden würde.

Illustration: pixabay.comDer Begriff Homöopathie erklärt zugleich das Prinzip: „Homoios pathos“ bedeutet so viel wie „ähnliches Leiden“, erklärt der Verband klassischer Homöopathen Deutschlands (VKHD). Dabei löse ein homöopathisches Medikament eine Erstreaktion aus, die ein bestehendes Symptom vorübergehend verstärke. Dies aktiviere gleichzeitig die Heilungspotentiale des menschlichen Organismus. Nähme ein gesunder Mensch ein homöopathisches Mittel ein, so bekäme er genau das Symptom, das die betreffende Medizin heilen könnte. So kaufen in Apotheken viele Patienten diese Mittel gegen Infekte wie Mittelohr- oder Blasenentzündung, Schnupfen, Husten und auch Magen-Darm-Probleme. Oder gegen alles Mögliche.

Selbstmedikationen verbreitet
Kurios: Die meisten Apotheken-Kunden verschreiben sich die beliebten Globuli selbst. Die Anzahl der jährlich über den Ladentisch gehenden Päckchen lag zuletzt bei circa 54 Millionen: ein Umsatz von 667 Millionen Euro. Davon sind 85 Prozent Selbstmedikationen, geht aus dem Bericht „Pharma Daten 2019“ des Bundesverbands der pharmazeutischen Industrie (BPI) hervor.

Kritiker der Homöopathie
Im EU-Ausland bahnen sich nun Verbote an, die populären Kügelchen weiterhin durch die Krankenkassen teils zurückerstatten zu lassen. So etwa in Frankreich. Und auch in Deutschland melden sich Kritiker der Homöopathie zunehmend zu Wort. 268 Unterzeichner reichten bei der 44. Bundesdelegiertenkonferenz der Partei Bündnis 90/Die Grünen einen Antrag gegen die Alternativmedizin und deren anteilige Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen ein: „Wir treten für eine wissenschaftlich fundierte, faktenbasierte und solidarisch finanzierte medizinische Versorgung für alle ein. Die Finanzierung von nachweislich nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirksamen Behandlungsmethoden ist mit diesem Grundsatz unvereinbar. Eine aktuell sehr breit diskutierte Behandlungsmethode dieser Art ist die Homöopathie, die sich selbst als eine sogenannte Alternativmedizin einordnet, jedoch nicht mit Naturheilkunde verwechselt werden darf.“

Laut Forsa-Umfrage sei weniger als ein Drittel der Deutschen gegen die Homöopathie. „Letzten Endes geht es um die Frage, ob man der Bevölkerung zutraut, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Ein Verbot würde diese Frage mit einem klaren ,Nein‘ beantworten“, so Stefan Reis, Verantwortlicher für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im VKHD. Auf Anfrage von Vitales Nordhessen erklärt das Bundesministerium für Gesundheit: „Zu den gesetzlich anerkannten besonderen Therapierichtungen gehören nach der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts insbesondere die Homöopathie, die anthroposophische Medizin und die Phytotherapie. Es handelt sich demnach um umfassende, zur Behandlung verschiedenster Erkrankungen bestimmte therapeutische Konzepte, die größere Teile der Ärzteschaft und weite Bevölkerungskreise für sich eingenommen haben, weil sie einem von der naturwissenschaftlich geprägten `Schulmedizin‘ sich abgrenzenden, weltanschaulichen Denkansatz folgen.“

Antibiotika-Resistenzen
Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) sieht in den Globuli das Potential, das Antibiotika-Resistenz-Problem zu bekämpfen: Immer mehr Menschen springen auf Antibiotika kaum noch wie erwünscht an. Denn je häufiger man diese schluckt, umso weniger wirksam ist die Medizin. Forscher, Ärzte und auch die Politik versuchen derzeit, dieses Problem zu lösen. So heißt es in einem Whitepaper des DZVhÄ: „Bisherige klinische Studien legen nahe, dass durch ein homöopathisches Behandlungssetting der Einsatz von Antibiotika in der ambulanten Versorgung deutlich vermindert werden kann. Die bisherigen Studien lassen im Vergleich zu konventionell behandelten Patienten auf ein Einsparpotential von circa 50 Prozent schließen.“

Die IKK Südwest, eine Krankenversicherung für 650.000 Versicherte und 90.000 Betriebe, hat einen Rückgang an verschriebenen Antibiotika in Hessen um 15 Prozent ausgemacht: „Gleichzeitig scheint für viele IKK-Versicherte die Homöopathie eine Alternative zu sein: Die IKK Südwest stellt aktuell eine hohe Nachfrage zur alternativen Medizin fest.“

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